Newsletter,19.03.2011
Liebe Leserinnen und Leser des Newsletters,
Ich habe das starke Empfinden, dass es passend ist, wenn ich den fiktiven Schreibstil wähle, um die Situation in Japan für Sie greifbarer zu machen. Vor vielen Jahren, fast vor einer Ewigkeit, habe ich eine beträchtliche Zeit in Japan verbracht. Während dieser Jahre haben mir einige wenige Menschen eine Menge über die Gesellschaft in Japan beigebracht...

Mariko ist auf dem Heimweg. Normalerweise kehrt sie um diese Zeit von der Schule heim, aber seit Tagen gibt es keine Schule. Dennoch findet Mariko Trost darin, den gleichen Weg zu ihrem Haus immer zur gleichen Zeit zu gehen. Trost ist jetzt ein Ersatz für Lebensmut.
Nichts ist mehr wie es war, nicht nach dem Erdbeben und dem Tsunami. Mariko ist jetzt 14 Jahre alt. Vor drei Monaten war sie mit ihren Klassenkameraden in Tokio und dort hat sie die riesigen, glanzvollen Warenhäuser besucht, wo sie ihre kostbaren Yen für ein neues Kleid ausgegeben hat. Auch wenn es jetzt keinen wirklichen Anlass dafür gibt, trägt sie ihr neues Kleid auf dem Weg von ihrer Schule nach Hause.
Die Schule liegt in Ruinen. Überall liegen Trümmer auf der Strasse durch das Erdbeben.
Mariko hat noch ihre Eltern und ihren kleinen Bruder, aber sie alle sind sehr besorgt. Es ist nicht nur fürchterlich kalt in ihrem winzigen Apartment; sie haben auch nur wenig zu essen und es gibt auch nicht genug Trinkwasser.
Die echte grosse Sorge die Mariko und ihre Familie haben, ist die drohende nukleare Katastrophe. Das Wort „nuklear“ verursacht grosse Angst in jedem, den Mariko kennt.
Marikos Familie mütterlicherseits stammt aus Hiroshima. Ihre Grosseltern starben beide auf Grund der Atombombe von 1945.
Mariko hat gründlich gelernt, ihre sehr persönlichen Gedanken und Gefühle abzuspalten, in der Weise, wie das alle Japaner tun. Diese Trennung und die Konzentration auf die bekannten Lebensgewohnheiten ist Marikos Art, mit der aktuellen Situation umzugehen, indem sie damit weitermacht, ihren Schulweg nach Hause zu gehen.
Mariko glaubt zutiefst, dass es besser ist, sich auf das Bekannte zu konzentrieren, als sich vielmehr über die Zukunft zu sorgen, die sie nicht kontrollieren kann.
Hoch droben, in einer Sphäre, die für Mariko nicht wahrnehmbar ist, geschieht etwas völlig anderes. Riesige Blockaden trennen Mariko und fast alle anderen Menschen von diesen Sphären, da nahezu alle Menschen glauben, dass es so besser ist.
Hier in diesen Sphären gibt es andere Wesen, und diese Wesen sind aussergewöhnlich mächtig und wissend. Sie überwachen die Situation in Japan, aber sie greifen nur in sehr speziellen Situationen und begrenzt ein.
Warum? Diese Wesen haben das Wissen und die Fähigkeit, die Strahlung der zerstörten Kernkraftwerke soweit zu minimieren, dass sie fast augenblicklich ungefährlich sind.
Dennoch überwachen diese Wesen nur und setzen netzähnliche Energiestrukturen, um die Tierwelt, insbesondere die Meerestiere, vor den grössten Strahlenschäden zu schützen. Sie setzen ebenfalls grosse Blockaden in die Erde, um das Erdinnere vor der drohenden Kernschmelze abzuschirmen.
Warum tun diese Wesen nichts, um den Menschen zu helfen?
Sie kennen die Zukunft, den Plan. Sie wissen, dass sie das Ereignis des „Unglücks“ erlauben müssen, auch wenn es einen grossen Verlust an Leben, Schmerz und Krankheit geben wird. Wir Menschen befinden uns in einem kollektiven Wachstumsprozess. Dieses Wachstum kann nicht ohne viel Schmerz geschehen, weil Menschen nach Schmerz verlangen, um wachsen zu können. Die meisten Menschen lehnen Wandel ab, bis sie dazu gezwungen werden.
Die Welt wird sich aufgrund der weiteren Geschehnisse in Japan und auch anderswo in der Welt verändern. Auch wenn Sie es nicht mögen, Katastrophen sind notwendig, um menschliches Bewusstsein an diesen Punkt zu bringen. Hier gibt es keinen „Freifahrtschein“. Es gibt niemanden, der für uns etwas tun wird, was wir selbst nicht tun wollen.
Mariko hat gelernt, sich abzuspalten, was bedeutet, dass sie ihre Bewusstheit reduziert hat. Dies ist die japanische Art zu leben, in einer Inselgesellschaft mit einer sehr hohen Bevölkerungsdichte seit vielen, vielen Generationen.
Diese Lebensweise wird sich bald verändern, weil die drohende Kernschmelze buchstäblich auch einen Grossteil der japanischen Gesellschaft einschmelzen wird.
Für die Japaner, die die Vergangenheit verehren, wird das sehr schmerzlich sein.
Aber so wie die Meiji-Ära zu einem abrupten Ende durch die Ankunft der Fremden kam, so kommt auch unsere „moderne“ Ära nun zu einem Ende.
Sie wird zu einem Ende kommen, durch die Erkenntnis, dass nun andere „Fremde“ da sind, uns zu helfen. Aber diese „Fremden“ werden uns solange nicht helfen, bis wir nicht wahrhaftig in der Lage sind, uns selbst zu helfen.
Um ein Gefühl für diese „Fremden“ zu bekommen, lade ich Sie zu einer Probe unserer Software ein.
Andrew Terker
PS: Ich möchte zutiefst und in aller Demut meiner längst verstorbenen lieben Kollegin der Linguistik, Tazuko Ajiro Monane, für die Jahre unserer Freundschaft danken und ihrer grossen und geduldigen Hilfe, mir die Feinheiten der japanischen Gesellschaft zu erklären, von den ärmsten Schichten der Gesellschaft bis hin zum kaiserlichen Hof, dem sie angehörte. Ich bin zutiefst dankbar für ihre langjährige Gastfreundschaft, in der sie häufig für mich das gleiche Essen kochte, das sie gelegentlich für den Kaiser zubereitet hatte.
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